Wann wir schreiten Seit' an Seit'
Hermann Claudius
Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder wider klingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.
Eine Woche Hammerschlag
eine Woche Häuserquadern
zittern noch in unsern Adern
aber keiner wagt zu hadern
Herrlich lacht der Sonnentag
herrlich lacht der Sonnentag.
Birkengrün und Saatengrün
Wie mit bittender Gebärde
hält die alte Mutter Erde
dass der Mensch ihr eigen werde
ihm die vollen Hände hin
ihm die vollen Hände hin.
Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder wider klingen
fühlen wir, es muss gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.
So sehr wie Biographen des Dichters Hermann Claudius (1878-1980) und Literaturwissenschaftler hinsichtlich seines politischen Werdegangs übereinstimmen – zunächst deutsch-national, dann vom Engagement in der SPD und sozialdemokratischen Gewerkschaften und Teilnehmer am jugendbewegten Treffen der Freideutschen auf dem Hohen Meißner zum Unterzeichner des Führergelöbnisses der deutschen Dichter (1933) und Führerverehrer (1937 Gedicht Herr Gott, steh dem Führer bei), nach 1945 vom anerkannten niederdeutschen Dichter bis zum Klaus-Groth-Preisträger der Freiherr vom Stein-Stiftung – , so uneins sind sie sich über Entstehungsjahr und Erstdruck seines wohl berühmtesten Gedichts.
Dazu hat der Urenkel von Matthias Claudius (1740-1815, Der Mond ist aufgegangen) selbst beigetragen, indem er irrigerweise die Entstehung auf das Jahr 1916 datierte. Tatsächlich hat er es 1913 auf oder nach einer Heidewanderung mit einer internationalen Jugendgruppe geschrieben. Zum ersten Mal gedruckt erschien es im Juni 1914 mit dem Titel Wanderlied – Der neuen Jugend gewidmet in der Monatsbeilage Die arbeitende Jugend der SPD- und gewerkschaftsnahen Zeitung Hamburger Echo. Manche Literaturwissenschaftler nennen hingegen als Erstdruck den Gedichtband Lieder der Unruh, der erst 1920 herausgegeben wurde.
Zur Vertonung des Gedichts durch den Rechtssekretär der freien Gewerkschaften Michael Englert (1868-1956, Komponist des heute noch bekannten Lieds Wir sind jung, die Welt ist offen, 1914) werden zwei unterschiedliche Jahre überliefert. Englert selbst, im Nebenberuf Musiklehrer und Chorleiter, spricht in einem Brief von der ersten öffentlichen Aufführung des Liedes auf einer Protestkundgebung von Teilen der Hamburger SPD gegen die Fortsetzung des Krieges im Frühjahr 1915. Die meisten Liederbücher nennen das Jahr 1916, in dem das Lied auf der Gründungsversammlung der Freien Jugend Hamburg-Altona vom Arbeiterjugendchor dargeboten wurde. Nachdem es die Hamburger Arbeiterjugend zum ersten reichszentralen Arbeiterjugendtag im August 1920 nach Weimar mitbrachte, wurde es zur Hymne des Jugendtages. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten die Jugendtagsteilnehmer und Jugendchöre das Weimarlied im ganzen Reich.
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